Diese Rede von Prof. Dr. hc. Horst Teltschik zur Verleihung des "Roland Berger Preis für Menschenwürde 2010" an Bundeskanzler a. D. Dr. Helmut Kohl finden Sie im Pressebereich der Roland Berger Stiftung als PDF-Datei (Dokumentenlink im roten Feld einfach anklicken).
Berlin, 18. Februar 2010
In der Entschließung des Europäischen Rates vom 11. Dezember 1998, kurz vor der Einführung der gemeinsamen europäischen Währung, erklärten die in Wien versammelten 17 europäischen Staats- und Regierungschefs und der Präsident der Europäischen Kommission, „dass der Lauf der Geschichte durch das engagierte Wirken einzelner Menschen oft entscheidend gestaltet werden kann“. Dies gelte „in besonderem Maße für Dr. Helmut Kohl und sein Wirken als
Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland in den letzten 16 Jahren“.
Mitunterzeichner waren Bundeskanzler Gerhard Schröder, Premierminister Tony Blair, Ministerpräsident Wim Kok und Bundeskanzler Viktor Klima. Sie alle waren erklärte Sozialdemokraten. Gemeinsam beschlossen sie, Bundeskanzler Helmut Kohl den Titel „Ehrenbürger Europas“ zu verleihen. Mit der Verleihung dieses Ehrentitels würdigten die Staats- und Regierungschefs ausdrücklich die Persönlichkeit Helmut Kohls sowie seine politischen Leistungen für die europäische Integration und die in diesem Rahmen erreichte Wiedervereinigung Deutschlands.
Im prägenden Alter von 14 und 15 Jahren hat Helmut Kohl die schrecklichen Folgen der menschenverachtenden Politik Hitlers persönlich erfahren müssen. Er erlebte die Bombardierung seiner Heimatstadt Ludwigshafen und als Flakhelfer die von Berchtesgaden. Sein Bruder fiel im Krieg. Erzogen in einem christlichen Elternhaus, das den Nationalsozialismus ablehnte, hat er sich unmittelbar nach dem Krieg bereits als Schüler politisch engagiert. Die Summe dieser Erfahrungen prägten seine „früh gewonnenen Grundüberzeugungen“, an denen er „stets unerschütterlich und glaubwürdig“ festgehalten hat.
Aufgrund seiner christlichen Erziehung fühlte er sich stets einer Politik aus christlicher Verantwortung verpflichtet. Daraus haben sich für ihn Menschenwürde und Menschenrechte immer abgeleitet. Soziale Gerechtigkeit und Solidarität mit den Schwachen waren für ihn selbstverständlich. Die Politik der Sozial- und Arbeitsminister Dr. Heiner Geißler und Norbert Blüm über fast zwei Jahrzehnte unter seiner Führung zeugen dafür (auch wenn sie es heute nicht mehr wahr haben wollen).
Doch Helmut Kohl trat mit gleichem Engagement für die Freiheitsrechte aller Bürger ein. Für ihn war die CDU immer auch eine liberale Partei. Sein Referenzpunkt war das Hambacher Fest von 1832, der Aufbruch der deutschen Demokraten, Arm in Arm mit Demokraten aus Frankreich und Polen. Die enge Freundschaft zwischen Deutschland, Frankreich und Polen blieb ein Herzensanliegen Helmut Kohls bis zum Ende seiner Amtszeit. Er erinnerte an das Fanal, das von Hambach ausging, als er im Mai 1985 Präsident Ronald Reagan einlud, eine Rede an die Jugend Europas zu richten.
Die Freiheitsrechte mussten für Helmut Kohl für alle Deutschen erreicht werden. Er hat an dem Ziel der deutschen Einheit und an der Verpflichtung aus der Präambel des Grundgesetzes, „in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden“, immer festgehalten. Er hat dieses Ziel in allen Gesprächen mit den Generalsekretären der KPdSU von Leonid Breschnew bis Michail Gorbatschow angesprochen. Er hat auch von keinem je die Antwort erhalten, dass dieses Thema endgültig erledigt sei.
Als Bundeskanzler war Helmut Kohl bereit, hohe Preise (Besuch Honeckers im September 1987 in Bonn) zu bezahlen, um das Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen über ein breites Netz bilateraler Vereinbarungen zwischen beiden Staaten zu stärken, Reiseerleichterungen zu erreichen, Menschen frei zu kaufen. Er war aber niemals bereit, auf das Ziel der Einheit zu verzichten, die DDR-Staatsbürgerschaft anzuerkennen oder Menschenrechtsverletzungen zu übersehen.
Freiheit und Menschenrechte waren für Helmut Kohl selbstverständlicher Teil seiner Gespräche nicht nur in allen Warschauer-Pakt-Staaten sondern auch in China oder in anderen autoritären Staaten, nicht propagandistisch und lautsprecherisch sondern in der Regel in den persönlichen Gesprächen. So gelang es, Tausende von Rumäniendeutschen frei zu kaufen, Inhaftierte in China frei zu bekommen oder mit Ungarn den ersten Vertrag über die deutsche Minderheit abzuschließen. Jede Öffentlichkeit hätte das Ende dieser Bemühungen bedeutet.
Ausgehend von seinen Erfahrungen am Ende des II. Weltkrieges gehörte es zur Grundüberzeugung von Helmut Kohl, dass die Freundschaft mit Frankreich und die Integration des freiheitlichen Europas Voraussetzung für einen dauerhaften Frieden in Europa sind. Bezugspunkt war für ihn stets die Rede von Winston Churchill, der in seiner Züricher Rede vom 19. September 1946 erstmals von den „Vereinigten Staaten von Europa“ gesprochen hatte. Aufgewachsen an der deutsch-französischen Grenze hatte er schon als Jugendlicher Zollschranken an der gemeinsamen Grenze niedergerissen.
Überwältigend ist die Liste seiner Erfolge, die er als Bundeskanzler in den bilateralen Beziehungen mit Frankreich und gemeinsam mit Präsident Mitterand und dem französischen EU-Präsidenten Jacques Delors für die europäische Integration erreicht hat. Als EG-Präsident gelang es ihm 1983 auf dem Gipfel in Stuttgart, die Gemeinschaft aus einer gefährlichen Krise zu führen. Die Finanzierung der EG wurde neu geregelt, die Agrarausgaben eingedämmt und der Beitritt Spaniens und Portugals eingeleitet. Mitte der achtziger Jahre begann er mit Mitterand die ersten Gespräche über eine Wirtschafts- und Währungsunion. 1985 wurde das Schengener Abkommen vereinbart. 1986 traten Spanien und Portugal der EG bei. 1988 wurde auf dem Gipfel in Hannover der Binnenmarkt beschlossen und unter Vorsitz von Delors eine Arbeitsgruppe zur Erarbeitung von Vorschlägen für eine Wirtschafts- und Währungsunion eingesetzt. Im April 1990 beschloss die EG auf ihrem Gipfel in Dublin eine deutsch-französische Initiative für eine Politische Union. Im Februar 1992 wurde der Maastrichter Vertrag über die Europäische Union unterzeichnet und die Einführung einer gemeinsamen Währung beschlossen. Im Juni 1997 trat der Vertrag von Amsterdam hinzu, der ein weiterer Schritt zur Integration bedeutete. In den 90er Jahren schritt gleichzeitig die Erweiterung der EU voran. Die Einführung des EURO 1999 als Buchgeld und 2002 als Bargeld wäre ohne Helmut Kohl nicht möglich geworden. Er wollte damit die europäische Integration unumkehrbar machen.
Parallel intensivierte Helmut Kohl die bilateralen Beziehungen zu Frankreich. 1987 wurde der deutsch-französische Verteidigungs- und Sicherheitsrat gegründet. Eine deutsch-französische Brigade folgte. 1988 kam ein deutsch-französischer Finanz- und Wirtschaftsrat hinzu. Welch eine Erfolgsbilanz von Helmut Kohl. Er wusste seit Konrad Adenauer, als dessen Enkel er sich verstand, dass die Einbindung des freien Teils Deutschland in die Atlantische Allianz und in die Europäische Gemeinschaft die Voraussetzung und der Rahmen für die Wiedervereinigung Deutschlands waren. Für ihn waren das die zwei Seiten einer Medaille. Sie waren für ihn auch die Basis für eine offensive Deutschland- und Ostpolitik und die beste Vertrauensbasis, im November 1989 das Ziel der deutschen Einheit konkret anzustreben.
Für Helmut Kohl war es deshalb selbstverständlich, auf der Grundlage der bestehenden bilateralen Ostverträge und der internationalen Vereinbarungen wie der KSZE-Schlussakte eine aktive Ostpolitik zu betreiben und vor allem die Reformbestrebungen in Polen, Ungarn und nicht zuletzt in der UdSSR zu unterstützen. Seit Mitte der 80er Jahre gab es fortlaufend enge vertrauliche Gespräche mit der ungarischen Führung. Die Öffnung der ungarischen Grenze für Zehntausende DDR-Flüchtlinge im September 1989 brach den ersten Stein aus der Mauer. 1988 hatten Verhandlungen mit der polnischen Führung begonnen. Am 14. November 1989 unterzeichneten Helmut Kohl und Tadeusz Mazowiecki, der erste demokratisch gewählte polnische Ministerpräsident, eine Gemeinsame Erklärung in Warschau, die die deutsch-polnischen Beziehungen auf eine neue Grundlage stellten.
Im November 1988 erreichte Helmut Kohl in seinen Gesprächen mit Generalsekretär Michail Gorbatschow in Moskau einen Neubeginn in den deutsch-sowjetischen Beziehungen. Sie mündeten in eine Gemeinsame Erklärung, die von beiden im Juni 1989 in Bonn unterzeichnet wurde. Darin hatte die sowjetische Führung sich erstmals zum Selbstbestimmungsrecht der Völker bekannt. Helmut Kohl sagte Gorbatschow Hilfe für seine Reformpolitik zu, die dieser 1990 vielfältig in Anspruch nahm.
Als sich am 9. November 1989 die Mauer öffnete, reagierte Helmut Kohl mit großer Besonnenheit. Sein Ziel und das aller seiner internationalen Partner war es, die dramatischen und durchaus gefährlichen Entwicklungen unter politischer Kontrolle zu halten und die Lage zu stabilisieren. Die zunehmenden Massendemonstrationen in der DDR und die steigenden Ausreisezahlen wiesen aber zunehmend nur auf ein Ziel hin, das der Einheit.
Mit seiner bekannten Zehn-Punkte-Rede nahm der Bundeskanzler diese Botschaft entschlossen auf. Wie Helmut Schmidt in seinem Buch „Außer Dienst“ schreibt, habe Helmut Kohl die „Chance zur deutschen Vereinigung“ erkannt und „beschloss sie zu nutzen“. Und am 31. Dezember 2009 dankte Helmut Schmidt „im Namen aller Deutschen“, dass Helmut Kohl „mit seinem Zehn-Punkte-Plan den Weg der deutschen Einheit eingeleitet hat“ (BILD, 31.10.09).
In seiner Rede hat Helmut Kohl die deutsche Einigung unmissverständlich in den Zusammenhang mit dem europäischen Einigungsprozess gestellt.
Wer die Bilder der DDR-Flüchtlinge im Deutschen Fernsehen gesehen hat, wird sich an die Worte der vielen erinnern, die auf die Frage nach ihren Gefühlen nur zwei Worte sagten: „Endlich frei, endlich frei…“. Am Ende waren alle 17 Millionen Ostdeutsche frei. Viele haben dazu beigetragen, einer hat es vor allem gestaltet: Helmut Kohl.
Seine achtzehn Kollegen schließen deshalb die Würdigung des Bundeskanzlers als Ehrenbürger Europas mit den Worten ab:
„Mit seinen Eigenschaften der Verlässlichkeit, der Ehrlichkeit, der Beharrlichkeit, der Herzlichkeit und des Einfühlungsvermögens ist Dr. Helmut Kohl uns, seinen Kollegen, auch ein Beispiel eines erfolgreichen und doch menschlich gebliebenen Politikers geworden. Nicht zuletzt in diesen Wesenszügen liegt das Geheimnis seiner großen Leistungen für Europa und die europäische Integration.
Die Gestaltung der deutschen Einheit und die Festigung der europäischen Einigung bis hin zur Wirtschafts- und Währungsunion sind Dr. Helmut Kohls Lebenswerk“.
Dem ist nichts hinzuzufügen. Helmut Kohl hat den "Roland Berger Preis für Menschenwürde 2010" verdient.
Ich gratuliere ihm dazu sehr herzlich.