Sonntag, 14. März 2010

NRW- CDU-Generalsekretär Andreas Krautscheid spricht in "Welt am Sonntag" über die NRW-Wahlen, seinen neuen Stil und Schwachstellen der CDU-NRW

NRW- CDU-Generalsekretär Andreas Krautscheid spricht in "Welt am Sonntag" über die NRW-Wahlen, seinen neuen Stil und Schwachstellen der CDU-NRW

Mit Niveau in die Wahlschlacht? - Nachrichten welt_print - Vermischtes - WELT ONLINE

NRW- CDU-Generalsekretär Andreas Krautscheid spricht in der "Welt am Sonntag" über seinen neuen Stil, ein altes Scherzchen namens "Kraftilanti" und die Feinarbeit an eigenen Schwachstellen.

Zahlreiche Skandale hatten die CDU-Zentrale zuletzt in Verruf gebracht: Mobbingvorwürfe, politische Attacken unterhalb der Gürtellinie oder heikle Sponsorenwerbebriefe - die Liste war lang. Nun ist Andreas Krautscheid als neuer Generalsekretär in die Zentrale eingezogen und muss ausgerechnet im Wahlkampf einen neuen Stil prägen. Kann das gelingen?

Welt am Sonntag: Herr Krautscheid, haben Sie bereits eine Niveau- und Stil-Revolution in der Parteizentrale eingeleitet?

Andreas Krautscheid: Jeder hat seinen Stil. Ich pflege einen harten, aber fairen Stil. Den werde ich beibehalten, auch in einem Walkampf, der scharf zu werden verspricht.

Welt am Sonntag: Wie kommen Sie zu der Prognose?

Krautscheid: Dass die SPD-Vorsitzende unsere Schulpolitik für Suizide unter Jugendlichen verantwortlich zu machen versucht, ist schon happig. Solche Ausrutscher werden uns nicht passieren.

Welt am Sonntag: Also wird die Parteizentrale auch nicht mehr jedes Husten des politischen Gegners als "unanständig, schäbig, unerträglich" verdammen?

Krautscheid: Es reicht, wenn man Positionen der SPD einfach als sachlich falsch entlarvt. Von meiner Seite aus wird es den Versuch einer sachlichen Offensive und keine persönlichen Diffamierungen geben.

Welt am Sonntag: In der ersten Pressemitteilung aus der Parteizentrale nach dem Abgang Ihres Vorgängers tauchte aber schon wieder das abgedroschene Scherzchen "Kraftilanti" auf.

Krautscheid: "Kraftilanti" ist das Synonym für die Unwilligkeit von Frau Kraft, sich eindeutig von der Linkspartei zu distanzieren - wie einst bei Andrea Ypsilanti in Hessen. Solange Frau Kraft einem rot-roten Bündnis keine Absage erteilt, muss sie mit diesem Etikett leben.

Welt am Sonntag: Heften Sie sich dadurch nicht selbst ein Etikett an, nämlich das der ungelenken Halbwüchsigen-Rhetorik?

Krautscheid: Frau Kraft entscheidet, wie lange dieses Etikett an ihr haftet. Und hinter "Kraftilanti" steckt eine wirkliche Gefahr: Dass Deutschlands einwohnerstärkstes Bundesland unter den Einfluss einer politischen Chaotentruppe gerät. Das wäre eine politische Todsünde.

Welt am Sonntag: Klingt doch wieder ziemlich scharf.

Krautscheid: Das werde ich wohl noch sagen dürfen.

Welt am Sonntag: Sie sind nicht zu beneiden. Nach dem Sponsorenskandal müssen Sie auf Seriosität und Maß achten - für einen wahlkämpfenden Generalsekretär die Quadratur des Kreises, oder?

Krautscheid: Wir müssen den schmalen Grat zwischen einer harten und einer inhaltlichen Auseinandersetzung hinbekommen. Das ist ein Balanceakt. Und zu den inakzeptablen Werbebriefen an Sponsoren möchte ich eines festhalten: Wir haben unsere Lehren gezogen. Fortan werden unsere Parteitage transparenter sein als die aller anderen Parteien. Dann endet hoffentlich auch die wohlfeile Kritik der Konkurrenz ...

Welt am Sonntag: ... mit der Sie wohl auch behutsam umgehen, weil viele Ihrer Gegner potenzielle Koalitionspartner sind.

Krautscheid: Nein, wir sagen klar, dass wir mit der FDP koalieren wollen, wenn das irgend möglich ist. Eine Koalition mit SPD und Grünen wollen wir nicht. Die Bevölkerung sieht das ähnlich. Sie ist grundsätzlich zufrieden mit unserer Regierungsarbeit.

Welt am Sonntag: Sachlich zu bleiben birgt aber Risiken, wie Ihr neues Wahlplakat zeigt. Darauf befinden sich 19 Worte auf fünf Schriftebenen. Das ist zwar sehr differenziert für ein Plakat, versteht aber kein Mensch (siehe Foto).

Krautscheid: Wahlkampf ist die Kunst der intelligenten Zuspitzung. Der Aufhänger für das Plakat war Frau Krafts Aussage, Nordrhein-Westfalen sei ein Absteigerland, was nachweisbar falsch ist. Dagegen kann man ganz sachlich argumentieren. Das versuchen wir.

Welt am Sonntag: Also wird Ihr Ministerpräsident nicht mehr über Rumänen herziehen, die "nicht wissen, was sie tun"?

Krautscheid: Was ist denn das für eine Frage?

Welt am Sonntag: Die nach der Wiederholungsgefahr politisch-inkorrekter Ausbrüche.

Krautscheid: Wir werden jedenfalls keinen politischen Gegner für Suizide verantwortlich machen. Im Übrigen lebt der Wahlkampf von sportlichen, nicht von unfairen Angriffen.

Welt am Sonntag: Zumindest eine Angriffsfläche scheint selbst die Linkspartei bei Ihnen nicht mehr auszumachen: die einer früher oft beschworenen reaktionären Gesellschaftspolitik.

Krautscheid: Dieser Vorwurf war immer absurd, aber für unsere Koalition in Nordrhein-Westfalen ist er es besonders. Wir haben in der Integrationspolitik, im Verbraucherschutz, beim Ausbau der U-3-Betreuung oder der Ganztagsschule unsere traditionellen Werte erfolgreich mit einem modernen Gesellschaftsbild kombiniert.

Welt am Sonntag: All das hätte man früher eher mit Rot-Grün verbunden.

Krautscheid: Wir haben eben kein ideologisches, sondern ein christliches Menschenbild. Und das ist an der Wirklichkeit orientiert. Wenn manche Eltern schon früh Hilfe brauchen, um ihre Kinder bestmöglich zu fördern, dann muss man die Betreuung von Kleinkindern ausbauen.

Welt am Sonntag: Dennoch fordern die Kitas jetzt mehr Personal, genau so wie Polizisten, Richter, Staatsanwälte und Strafvollzugsbedienstete. Aber gleichzeitig verkündet der Ministerpräsident nun, er wolle 12 000 Stellen im öffentlichen Dienst abbauen. Was hat ihn da geritten?

Krautscheid: Das ist kein Widerspruch, sondern eine Frage der Prioritäten: wir haben in den letzten Jahren im Saldo Personal abgebaut und gleichzeitig massiv Lehrer und Polizisten eingestellt. Wenn wir die Zukunft unserer Kinder nicht mit noch mehr Schulden belasten wollen, muss der Staatsapparat weiter schrumpfen!

Das Gespräch führte Till-R. Stoldt


Zahlreiche Skandale hatten die CDU-Zentrale zuletzt in Verruf gebracht: Mobbingvorwürfe, politische Attacken unterhalb der Gürtellinie oder heikle Sponsorenwerbebriefe - die Liste war lang. Nun ist Andreas Krautscheid als neuer Generalsekretär in die Zentrale eingezogen und muss ausgerechnet im Wahlkampf einen neuen Stil prägen. Kann das gelingen?

Welt am Sonntag: Herr Krautscheid, haben Sie bereits eine Niveau- und Stil-Revolution in der Parteizentrale eingeleitet?

Andreas Krautscheid: Jeder hat seinen Stil. Ich pflege einen harten, aber fairen Stil. Den werde ich beibehalten, auch in einem Walkampf, der scharf zu werden verspricht.

Welt am Sonntag: Wie kommen Sie zu der Prognose?

Krautscheid: Dass die SPD-Vorsitzende unsere Schulpolitik für Suizide unter Jugendlichen verantwortlich zu machen versucht, ist schon happig. Solche Ausrutscher werden uns nicht passieren.

Welt am Sonntag: Also wird die Parteizentrale auch nicht mehr jedes Husten des politischen Gegners als "unanständig, schäbig, unerträglich" verdammen?

Krautscheid: Es reicht, wenn man Positionen der SPD einfach als sachlich falsch entlarvt. Von meiner Seite aus wird es den Versuch einer sachlichen Offensive und keine persönlichen Diffamierungen geben.

Welt am Sonntag: In der ersten Pressemitteilung aus der Parteizentrale nach dem Abgang Ihres Vorgängers tauchte aber schon wieder das abgedroschene Scherzchen "Kraftilanti" auf.

Krautscheid: "Kraftilanti" ist das Synonym für die Unwilligkeit von Frau Kraft, sich eindeutig von der Linkspartei zu distanzieren - wie einst bei Andrea Ypsilanti in Hessen. Solange Frau Kraft einem rot-roten Bündnis keine Absage erteilt, muss sie mit diesem Etikett leben.

Welt am Sonntag: Heften Sie sich dadurch nicht selbst ein Etikett an, nämlich das der ungelenken Halbwüchsigen-Rhetorik?

Krautscheid: Frau Kraft entscheidet, wie lange dieses Etikett an ihr haftet. Und hinter "Kraftilanti" steckt eine wirkliche Gefahr: Dass Deutschlands einwohnerstärkstes Bundesland unter den Einfluss einer politischen Chaotentruppe gerät. Das wäre eine politische Todsünde.

Welt am Sonntag: Klingt doch wieder ziemlich scharf.

Krautscheid: Das werde ich wohl noch sagen dürfen.

Welt am Sonntag: Sie sind nicht zu beneiden. Nach dem Sponsorenskandal müssen Sie auf Seriosität und Maß achten - für einen wahlkämpfenden Generalsekretär die Quadratur des Kreises, oder?

Krautscheid: Wir müssen den schmalen Grat zwischen einer harten und einer inhaltlichen Auseinandersetzung hinbekommen. Das ist ein Balanceakt. Und zu den inakzeptablen Werbebriefen an Sponsoren möchte ich eines festhalten: Wir haben unsere Lehren gezogen. Fortan werden unsere Parteitage transparenter sein als die aller anderen Parteien. Dann endet hoffentlich auch die wohlfeile Kritik der Konkurrenz ...

Welt am Sonntag: ... mit der Sie wohl auch behutsam umgehen, weil viele Ihrer Gegner potenzielle Koalitionspartner sind.

Krautscheid: Nein, wir sagen klar, dass wir mit der FDP koalieren wollen, wenn das irgend möglich ist. Eine Koalition mit SPD und Grünen wollen wir nicht. Die Bevölkerung sieht das ähnlich. Sie ist grundsätzlich zufrieden mit unserer Regierungsarbeit.

Welt am Sonntag: Sachlich zu bleiben birgt aber Risiken, wie Ihr neues Wahlplakat zeigt. Darauf befinden sich 19 Worte auf fünf Schriftebenen. Das ist zwar sehr differenziert für ein Plakat, versteht aber kein Mensch (siehe Foto).

Krautscheid: Wahlkampf ist die Kunst der intelligenten Zuspitzung. Der Aufhänger für das Plakat war Frau Krafts Aussage, Nordrhein-Westfalen sei ein Absteigerland, was nachweisbar falsch ist. Dagegen kann man ganz sachlich argumentieren. Das versuchen wir.

Welt am Sonntag: Also wird Ihr Ministerpräsident nicht mehr über Rumänen herziehen, die "nicht wissen, was sie tun"?

Krautscheid: Was ist denn das für eine Frage?

Welt am Sonntag: Die nach der Wiederholungsgefahr politisch-inkorrekter Ausbrüche.

Krautscheid: Wir werden jedenfalls keinen politischen Gegner für Suizide verantwortlich machen. Im Übrigen lebt der Wahlkampf von sportlichen, nicht von unfairen Angriffen.

Welt am Sonntag: Zumindest eine Angriffsfläche scheint selbst die Linkspartei bei Ihnen nicht mehr auszumachen: die einer früher oft beschworenen reaktionären Gesellschaftspolitik.

Krautscheid: Dieser Vorwurf war immer absurd, aber für unsere Koalition in Nordrhein-Westfalen ist er es besonders. Wir haben in der Integrationspolitik, im Verbraucherschutz, beim Ausbau der U-3-Betreuung oder der Ganztagsschule unsere traditionellen Werte erfolgreich mit einem modernen Gesellschaftsbild kombiniert.

Welt am Sonntag: All das hätte man früher eher mit Rot-Grün verbunden.

Krautscheid: Wir haben eben kein ideologisches, sondern ein christliches Menschenbild. Und das ist an der Wirklichkeit orientiert. Wenn manche Eltern schon früh Hilfe brauchen, um ihre Kinder bestmöglich zu fördern, dann muss man die Betreuung von Kleinkindern ausbauen.

Welt am Sonntag: Dennoch fordern die Kitas jetzt mehr Personal, genau so wie Polizisten, Richter, Staatsanwälte und Strafvollzugsbedienstete. Aber gleichzeitig verkündet der Ministerpräsident nun, er wolle 12 000 Stellen im öffentlichen Dienst abbauen. Was hat ihn da geritten?

Krautscheid: Das ist kein Widerspruch, sondern eine Frage der Prioritäten: wir haben in den letzten Jahren im Saldo Personal abgebaut und gleichzeitig massiv Lehrer und Polizisten eingestellt. Wenn wir die Zukunft unserer Kinder nicht mit noch mehr Schulden belasten wollen, muss der Staatsapparat weiter schrumpfen!

Das Gespräch führte Till-R. Stoldt

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